Freitag, September 05, 2008

was soll ich dazu sagen

Ich bin ein Kind und spiele am Strand mit einem aufblasbaren Ball von Mc Donalds.
Ich trage ein Badetuch als Umhang und mein Vater wirbelt mich durch die Luft, ich bin Batman.
Ich sehe etwas Rosafarbenes zwischen den Beinen meiner Mutter und ahne, dass mich das noch länger beschäftigen wird.
Ich kann lesen und lese alles.
Ich war ein Kind, jetzt kenne ich Jeansmarken und küsse mit Zunge, sehr feucht und in die falsche Richtung. Dass es die überhaupt gibt.
Ich fahre in die Leitplanke, ich bin gerne Jurist, versuche bei Bundeswehrgeschichten an der richtigen Stelle zu lachen, höre auf damit, schreibe über Fußball und dazwischen einiges an Rosafarbenem.
Ich liege hier.
Wo ist nur die Zeit geblieben, hat meine Mutter auf der Beerdigung meines Vaters gefragt.
Am dritten September 1939 stand meine Mutter früh auf, denn es war ihr vierter Geburtstag. Aber niemand interessierte sich dafür, denn es war Krieg.
Dann hungerte meine Mutter, ihre Knie waren dicker als ihre Oberschenkel, sie wurde verschickt auf das unbombardierte Land und als der Krieg aus war, hatte ihr Vater, der sture Kommunist, Geld für Zigaretten, aber keins, um das hochbegabte Kind aufs Gymnasium zu schicken.
Sie zog nach London, swingte mit einem großen, schönen Pakistani und bekam zwei erst kleine, dann immer größer werdende Töchter, geriet in Konflikt mit dem Koran, zog zurück nach Deutschland, war working poor noch bevor das in Mode kam.
Dann verliebte sie sich in meinen Vater, sie bauten ein Haus, bekamen einen Sohn, fuhren an den Strand, hatten Siebziger-Jahre-Frisuren, die ich heute auftrage. Dann verschwand die Zeit und meine Mutter reiste durch die Welt, in Länder, die nie zerbombt worden waren, in Pionierländer und hätte jemand die Zeit zurückgedreht, meine Mutter wäre als junges Mädchen ausgewandert, ganz weit weg, auf Nimmerwiedersehen.
Aber niemand drehte die Zeit zurück und stattdessen begann der Krebs in ihr zu wuchern.
Ich stehe vor meiner Mutter und helfe ihr auf den Toilettenstuhl. Sie bringt es nicht über sich, in die Windeln zu machen. Aber sie kann nicht mehr richtig sitzen, sie läuft aus und bekommt keine Luft mehr und am Ende muss ich dankbar sein, dass sie erst ein paar Tage später stirbt, im Bett.
Und die Zeit? Die ist vorangeeilt. Wie immer.

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