Donnerstag, Juni 25, 2009

Ein Liebesbrief

Als Kind war ich so einsam, dass ich auf Spielplätzen ältere Männer angesprochen habe. Vielleicht, vielleicht auch nicht, erklärt das meine Schwäche für Liebesbriefe.
Auch für mich überraschend hat sich als der schönste, den ich je bekommen habe, ein Brief aus dem Sommerurlaub von J herausgestellt.
Die Beziehung zu J basierte darauf, dass ich sie betrunken mit meiner damaligen Exfreundin verwechselt hatte. Dann freute ich mich einige Wochen, dass sie meine Exfreundin in nett war und dann brauchte ich einige Wochen, um zu merken, dass sie meiner Exfreundin nicht im Geringsten ähnelte.
Außerdem trieb sie ständig Sport.
Ihr Brief nun, den ich vor ein paar Wochen noch einmal las, als ich etwas suchte, das ich dann doch nicht brauchte, der war wie sie.
J beschreibt auf 6, 7 Seiten, was sie im Urlaub macht. Mal spielt sie Basketball, mal Tennis, mal hat sie vor, gleich zum Basketball zu gehen oder erzählt, wer noch gut Tennis spielt.
Dieses so ungeheuer gesunde Mädchen war der von Terminen geplagteste Mensch, den ich je kannte und war doch niemals aus der Ruhe zu bringen. Gleich geht sie etwas laufen, davor muss sie bloß noch Bälle für das Turnier später besorgen, eine Stoppuhr beim Trainer abholen und vielleicht noch ein isotonisches Getränk oder aber – was ja sowieso viel besser ist – eine Apfelschorle: Sie teilt es in einer Handschrift mit, die so rund und ausgeglichen ist wie ein einschlummerndes Schaf.
In ihrer Welt gibt es nur nette und außergewöhnlich nette Menschen, sie war so überhaupt nicht, was man als neurosengeplagter 16-Jähriger ertragen kann, aber ich würde jedem Freund dazu raten, sie sofort zu heiraten.
Eben geht sie noch zum Taekwando, aber danach hat sie bestimmt Zeit.